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Grenzsperre

In der Nacht von 11. auf den 12. März 1938 erreichte ein Schnellzug aus Österreich, in dem sich viele Flüchtlinge befanden, die tschechoslowakische Grenze bei Lundenburg (Břeclav). Den etwa 300 österreichischen StaatsbürgerInnen wurde angeordnet, den Zug zu verlassen und sie wurden in einen Wartesaal gezwungen. 1 Richard A. Bermann, ein zur österreichischen “Kanzlerdiktatur” oppositioneller Journalist, beschrieb diesen als einen „gefängnisähnlichen Saal“: Diese Metapher dürfte weniger mit der Beschreibung eines tatsächlichen Ortes zu tun haben, sondern vielmehr ein symbolischer Ausdruck Bermanns Überraschung und Enttäuschung über das unverständliche Vorgehen der demokratischen Tschechoslowakei gewesen sein. Während sich Bermann als politischer Flüchtling verstand, der sich – wie aus einem Telegramm an den tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš ersichtlich – auf die demokratische Tradition und den Humanismus der Tschechoslowakei berief, wurde er als unerwünschter jüdischer Migrant behandelt.

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Ähnliche Erfahrung machten auch Flüchtlinge, die versuchten, mit dem Auto in die Tschechoslowakei zu gelangen, z. B. über den Grenzübergang Berg (in Richtung Bratislava). Zu den Schwierigkeiten gehörten auch die strikten Kontrollen an der österreichischen Seite, die vor allem die Ausfuhr von Geld und Wertsachen verhindern sollten.

Die tschechoslowakischen Reaktionen in den ersten Tagen nach dem „Anschluss“ sind anhand der Aufzeichnungen der telefonischen Nachrichten im Präsidium der Landesbehörde Brünn gut dokumentiert. Schon am 11. März erließ das Innenministerium in Prag ein allgemeines Einreiseverbot für österreichische Flüchtlinge. Zugleich instruierte das Ministerium die Landesbehörden, die Grenze für alle österreichischen StaatsbürgerInnen zu sperren. Am 12. März wurde diese Anordnung präzisiert, indem sie jene österreichischen StaatsbürgerInnen davon ausnahm, die „nachweislich dauerhaft in der Tschechoslowakei niedergelassen sind oder hier Immobilienbesitz, vor allem Fabrikbetriebe haben, oder auf glaubwürdige Weise nachweisen, dass sie aus Gründen in die Tschechoslowakei reisen, die im Hinblick auf die hiesigen Wirtschaftsinteressen notwendigerweise berücksichtigt werden müssen […].“ Die Anordnungen sind allgemein formuliert und betrafen alle ÖsterreicherInnen, die Furcht vor einer möglichen “Fluchtwelle” von Jüdinnen und Juden ist jedoch in der offiziellen Korrespondenz klar ersichtlich.

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Die Grenzsperre für österreichische StaatsbürgerInnen wurde bis zum “Münchener Abkommen” nicht aufgehoben. Im Frühling und Sommer 1938 – in jener Zeit, in der die Grenze zunehmend mit dem Aufbau der Bunker militarisiert wurde – waren die tschechoslowakischen Grenzpolizisten damit beschäftigt, österreichische Flüchtlinge aufzuhalten und zurückzuschicken. Die Wiesen und Wälder in Südmähren sowie die sumpfigen Donauufer in der Slowakei wurden zu einem einzigen großen Fahndungsgebiet.

In Folge des “Anschlusses” führten zahlreiche Staaten wie z. B. die Schweiz oder Großbritannien eine Visumspflicht für österreichische StaatsbürgerInnen ein. Das Visum war ein Mittel der Fernkontrolle, das es ermöglichte, unerwünschte AusländerInnen schon weit vor der eigenen Grenze an einer Weiterreise zu hindern. Mit dem Umtausch der österreichischen in reichsdeutsche Pässe war jedoch diese Strategie nicht mehr effektiv und mehrere Staaten weigerten sich aus wirtschaftlichen und diplomatischen Gründen, eine Visumspflicht für Deutschland einzuführen. Schweizerische Verhandlungen mit NS-Deutschland im Oktober 1938 mündeten in die Markierung der Pässe der deutschen Juden mit dem Stempel “J”. 2

Tschechoslowakischen Behörden standen einem ähnlichen Dilemma gegenüber: Mit dem vorgesehenen Umtausch der österreichischen Pässe in reichsdeutsche Pässe würden die Grenzmaßnahmen unwirksam. Gleichzeitig war eine Einführung einer allgemeinen Visumspflicht für deutsch StaatsbürgerInnen aufgrund der sich verschlechternden Beziehungen mit NS-Deutschland problematisch und hätte auch wirtschaftliche Folgen nach sich gezogen. Daher führten das Innen- und Außenministerium ein System inoffizieller Visen: Das tschechoslowakische Konsulat in Wien gab ehemaligen österreichischen StaatsbürgerInnen “Empfehlungen” aus, die ihnen den Grenzübertritt erlaubten. An Juden wurden solche Einreisebewilligungen kaum ausgegeben. 

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Bald beschwerte sich das Konsulat über Fälschungen dieser Einreiseerlaubnisse und führte letztendlich eine verbesserte und fälschungssichere Form ein. Zugleich wies das Konsulat auf verzweifelte Versuche österreichischer Jüdinnen und Juden hin, die in der Tschechoslowakei geboren waren oder dort früher gelebt hatten, unter Vorgabe falscher Angaben von ihren alten Heimatgemeinden Bestätigungen für den Erhalt der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft. Solche Berichte zeigen, wie die Praxis der Grenzsperre und der restriktiven Flüchtlingspolitik die verfolgten Jüdinnen und Juden in die Illegalität zwangen.

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1 Vgl. auch Stephan Templ, „Der Zug war voll. Wie die Tschechoslowakei 1938 Flüchtlinge abwies“, Neue Zürcher Zeitung, Nr. 57 (9. März 2002): 34.

2 Heinz Roschewski, Rothmund und die Juden. Eine historische Fallstudie des Antisemitismus in der schweizerischen Flüchtlingspolitik, 1933-1957 (Basel - Frankfurt am Main: Schweizerischer Israelitischer Bund - Helbing & Lichtenhahn, 1997); Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus (Bern: Unabhängige Expertenkommision Schweiz - Zweiter Weltkrieg, 1999).