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Die Flucht der „polnischen“ Jüdinnen und Juden

Einer bestimmten Gruppe von Jüdinnen und Juden wurde der Grenzübertritt erlaubt: jenen Personen mit polnischer Staatsbürgerschaft und gültigen polnischen Reisedokumenten. In der Zwischenkriegszeit befanden sich in Österreich, insbesondere in Wien, zahlreiche Jüdinnen und Juden, die ursprünglich aus dem Gebiet des späteren polnischen Staates stammten und nie die österreichische Staatsbürgerschaft erlangten. Viele flohen im Ersten Weltkrieg vor der russischen Offensive und aus Angst vor Pogromen und fanden im Landesinneren, vor allem in Österreich, Böhmen und Mähren, Zuflucht. Während des Krieges und nach Kriegsende wurden sie zum Ziel gehässiger antisemitischen Kampagnen, durch die – unter anderem – auch der Charakter der Staatsbürgerschaft in den neuen Nationalstaaten geformt wurde. In Österreich wurden Flüchtlinge aus Galizien explizit von der Staatsbürgerschaft ausgeschlossen und der sozialdemokratische Landeshauptmann von Niederösterreich und Wien, Albert Sever ordnete im Sommer 1919 eine Ausweisung der noch verbleibenden jüdischen Flüchtlinge an.1

Die Kampagnen gegen die jüdischen Flüchtlinge aus dem Ersten Weltkrieg förderten die Ausweisungsphantasien (ironisch verarbeitet z. B. von Hugo Bettauer in „Die Stadt ohne Juden“), die nach dem „Anschluss“ schnell reaktiviert werden konnten. Wie auch in Deutschland nach dem Jänner 1933 wurden „Ostjuden“ zur ersten Zielscheibe der Gewalt der SA und der Polizei. Sie wurden aus ihren Wohnungen ausgewiesen und ihre Geschäfte wurden gesetzwidrig und oftmals spontan beschlagnahmt. Häufig erschien eine Gruppe von SA-Mitgliedern, demolierte die Einrichtung und verlangte Zahlungen oder Sachspenden. Die SA oder die Polizei befahl ihnen, binnen einer kurzen Frist Deutschland zu verlassen.

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Für die Tschechoslowakei galten die “polnischen” Jüdinnen und Juden als unerwünschte Gruppe. Die gehässigen Kampagnen gegen die Flüchtlinge aus dem Ersten Weltkrieg und das Bild des “Ostjuden” prägten die behördliche Praxis gegen diese Gruppe mit. Nach dem “Anschluss” erlaubte die Tschechoslowakei jenen Flüchtlinge die Durchreise bis zur polnischen Grenze, die über gültige polnische Reisedokumente verfügten. Nachdem die Behörden fast panisch ein Untertauchen dieser Jüdinnen und Juden auf tschechoslowakischem Gebiet befürchteten, ordnete das Innenministerium an, sie in Lundenburg (Břeclav) immer zum Ausstieg aus dem Zug zu zwingen und begleiteten sie in regelmäßigen Abständen unter polizeilicher Bewachung bis zur polnischen Grenze.

Es handelte sich dabei um keine kleine Gruppe. Die telefonischen Berichte an die Landesbehörde Brünn vom März 1938 zeigen eine Zahl von etwa fünfzig bis Hundert polnischen Jüdinnen und Juden, die auf diese Weise täglich nach Polen, “zurückkehrten”. Insgesamt wurden dadurch tausende, wohl etwa 5000, Ausgewiesene über die Tschechoslowakei geschleust. Die erzwungene “Rückkehr” der “polnischen” jüdischen BürgerInnen, die in Österreich lebten, wurde zum Anlass einer Revision des polnischen Staatsbürgerschaftsgesetzes, die noch im März vom polnischen Sejm (Parlament) gesetzlich festgelegt wurde: Die im Ausland lebenden polnischen BürgerInnen, die sich angeblich dem Heimatland entfremdet hatten, wurden damit denaturalisiert.2

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1 Beatrix Hoffmann-Holter, „Abreisendmachung“. Jüdische Kriegsflüchtlinge in Wien 1914 bis 1923 (Wien - Köln - Weimar: Böhlau, 1995).

2 Vgl. vor allem Jerzy Tomaszewski, Auftakt zur Vernichtung (Osnabrück: Fibre, 2002).